Faktencheck Wirtschaftspark: Geplantes Logistikzentrum widerspricht dem beschlossenen Strategiepapier (03.05.2026)
Im Dezember 2022 hat der Gemeinderat Reichersberg ein detailliertes Strategiepapier für die Entwicklung des 30 Hektar großen Wirtschaftsparks beschlossen. Dieses offizielle Dokument dient als verbindlicher Leitfaden dafür, welche Ansiedlungen zulässig sind und welche Ziele verfolgt werden. Gleicht man diese schriftlich fixierten Vorgaben mit den kürzlich präsentierten Plänen für ein gigantisches Logistikzentrum (22,8 Hektar Grundfläche, 74.000 m² Gebäude) ab, zeigen sich tiefgreifende Widersprüche.
Wir von prodialog haben die aktuell diskutierten Konzepte sachlich mit dem bestehenden Gemeinderatsbeschluss verglichen. Hier sind die zentralen Ergebnisse dieses Faktenchecks:
1. Reine Lagerlogistik statt Diversität und Forschung
- Die Vorgabe: Laut dem beschlossenen Strategiepapier ist die Ansiedlung von flächenintensiven Betrieben, wie beispielsweise „reine Lagerlogistik“, ausdrücklich zu vermeiden. Vielmehr sei eine Priorisierung von innovativen Unternehmen anzustreben, um eine Diversität der Tätigkeiten – unter anderem in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Produktion und Dienstleistung – sicherzustellen.
- Die Realität: Das präsentierte „Robotics Sortable“-Zentrum ist im Kern ein klassisches Verteilzentrum. Lasst euch in diesem Zusammenhang nicht davon blenden, dass hier angeblich ein Standort für „Innovation“ entstehen soll. Das ist ein reines Ablenkungsmanöver: Wenn gut 95 % der Belegschaft in einer 74.000 Quadratmeter großen Halle im Schichtbetrieb Pakete schlichten, sortieren und verladen, dann ist das genau jene reine Lagerlogistik, die laut unserem Strategieplan verboten ist. Ein winziges technologisches Feigenblatt (wie etwa Instandhaltungspersonal für Transportroboter) macht aus einem Logistik-Block noch lange kein Projekt für „Forschung & Entwicklung“, wie es der Gemeinderat verbindlich einfordert.
2. Großflächige Versiegelung statt Parkraummanagement
- Die Vorgabe: Der Strategieplan fordert verbindlich eine Minimierung der Bodenversiegelung. Dies soll durch die Einschränkung der oberirdischen KFZ-Abstellplätze auf maximal 30 % erreicht werden. Zudem hält das Dokument unmissverständlich fest, dass großflächige Mitarbeiterparkplätze zu vermeiden sind.
- Die Realität: Von platzsparenden Parkhäusern ist beim aktuellen Projekt keine Rede. Stattdessen sind für die bis zu 1.800 Mitarbeiter ausgedehnte oberirdische Parkplatzflächen (Richtung Hart) vorgesehen. Die massive und laut Strategieplan zu vermeidende Versiegelung wird hier offenbar in Kauf genommen.
3. Fehlende soziale Infrastruktur und Campus-Nutzung
- Die Vorgabe: Das Papier sieht die Etablierung eines übergreifenden Dienstleistungsangebotes vor. Dazu zählen ein „Campus Grüne Mitte“, Gastronomie, Sport- und Freizeiteinrichtungen sowie soziale Infrastruktur, wie zum Beispiel explizit eine Kinderbetreuung.
- Die Realität: Ein 24/7-Hochsicherheits-Logistikgelände bietet weder Platz noch Zugang für eine offene Campus-Nutzung durch Anrainer. Auf Nachfrage im aktuellen Info-Gespräch wurde zudem klar bestätigt, dass es bei diesem Projekt keine Betreuung für Kinder geben wird.
4. Schutz der Anrainer vor Ausweichverkehr
- Die Vorgabe: Um die Lebensqualität in der Gemeinde zu sichern, definiert das Strategiepapier klar, dass betrieblicher Ausweichverkehr über die Ortschaften Hart und Lind sowie betrieblicher Verkehr in Richtung Westen (Sindhöring) zu vermeiden ist.
- Die Realität: Bei 1.500 Mitarbeitern im Drei-Schicht-Betrieb und den damit verbundenen tausenden PKW-Fahrten zum täglichen Schichtwechsel ist diese raumplanerische Vorgabe faktisch nicht einzuhalten. Der Verkehr wird sich unweigerlich den Weg über unsere lokalen Straßen suchen.
Unser Fazit:
Das vorliegende Projekt widerspricht den Kernzielen, die sich die Gemeinde Reichersberg 2022 selbst auferlegt hat. Wir fordern den Gemeinderat und den Bürgermeister daher sachlich auf, sich an die eigenen Beschlüsse zu halten. Die einzige Möglichkeit, den Ausverkauf unserer strategischen Flächen für reine Lagerlogistik zu verhindern, ist nun ein strenger und restriktiver Bebauungsplan (max. 14 Meter Höhe, Unterbrechung langer Hallen, harte Deckelung der Laderampen). Nur so bleibt der Platz für echte, vielfältige und wertschöpfende Betriebe erhalten.
Strategieplan Wirtschaftspark Stand 11/2022Experten geben uns Recht: Unser Fahrplan für einen Wirtschaftspark mit Zukunft (statt Logistik-Wüste) (19.04.2026)
Die Entwicklung unseres 30 Hektar großen Wirtschaftsparks steht an einem entscheidenden Wendepunkt. Da wir als Gemeinde aktuell intensiv an der Erstellung dieses Bebauungsplans arbeiten, entscheidet sich genau jetzt, ob Reichersberg in Zukunft von wertschöpfenden Produktionsbetrieben oder von gigantischen, automatisierten Logistikhallen („Jobless Growth“) geprägt wird. Wir von prodialog haben deshalb die Initiative ergriffen und uns in den letzten Wochen intensiv mit unabhängigen Fachexperten beraten.
An dieser Stelle möchten wir ein riesiges und aufrichtiges Dankeschön aussprechen. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich die absoluten Top-Experten der Republik sofort Zeit für die Anliegen einer Gemeindefraktion nehmen. Egal ob in ausführlichen, spontanen Telefonaten oder durch detaillierte schriftliche Einschätzungen – die fachliche Unterstützung war überwältigend.
Unser Dank gilt:
Prof. Arthur Kanonier (TU Wien, Raumordnungsrecht)
Prof. Christoph Badelt (Präsident des Fiskalrates)
Prof. Gabriel Felbermayr (Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO)
den Experten der Österreichischen Hagelversicherung
sowie HR Dipl.-Ing. Mandlbauer & Team (Abteilung Raumordnung, Land OÖ)
Die Warnung der Experten ist unmissverständlich
„Wirtschaftspark Reichersberg“ weiterlesen









